Beginnen wir mit einer kleinen Zeitreise: Es muss irgendwann zu Beginn des Wintersemesters 2008/2009 gewesen sein. Meine inzwischen schon als antik zu bezeichnenede Version von MS Office XP (oder 2002, wenn man der modernen Nomenklatur folgt), hatte ich schon seit Schulzeiten nicht mehr angerührt und OpenOffice war zwar ein mehr als ebenbürtiger Ersatz, hatte aber in meinen Augen ähnliche Fehler, wie das "Original". Zu nennen wäre da in erster Linie die störrische Formatierung längerer Texte und die unprofessionell wirkende Typographie: keine Ligaturen, kein vernünftiges Unterschneiden (Kerning), umständliche Literaturverwaltung.
Für die Versuchsprotokolle des Biochemie-Moduls wollte ich es besser machen, auch in Hinblick auf die anstehende Bachelorarbeit und erinnerte mich an meine Experimente mit LaTeX zu meiner FÖJ-Zeit. Nach kurzer Zeit hatte ich die üblichen Anfangsschwierigkeiten gemeistert, eine recht ordentliche Vorlage erstellt und schrieb meine Protokolle schneller denn je: Es musste ja nur noch der Text und die Abbildungen eingefügt werden, das Layout übernahm meine Vorlage.
Auf diese Art und Weise ist dann 2010 auch meine Bachelorarbeit entstanden. Zuvor hatte ich noch einige Bücher zum Thema Typographie studiert und mich mit Begriffen wie "Durchschuss", "Zeilenlänge" oder "Satzspiegelberechnung" auseinandergesetzt. All das lässt sich mit LaTeX - immerhin ist es ein Textsatzprogramm - ohne Einschränkungen einstellen und optimal umsetzen. Als Konsequenz empfinde zumindest ich meine Arbeit als optisch sehr ansprechend und angenehm zu lesen.
Springen wir dann zum heutigen Tag. Gestern ist endlich meine Studentenversion von Office 2010 Professional angekommen. Warum zu Hölle hatte ich sie mir überhaupt bestellt? Weil mir inzwischen etwas unsanft die Augen geöffnet wurden. LaTeX ist toll! LaTeX kann alles! LaTeX ist "the last text processor you need in your life". Aber: es interessiert niemanden. Lange hatte ich mir die Illusion aufrecht erhalten, dass gerade im akademischen Umfeld LaTeX recht verbreitet sei. Es passt aber auch hier die alte Binsenweisheit: "Es kommt darauf an." Und zwar auf den Fachbereich. In der Mathematik, der Informatik, der Physik und eng verwandten Bereichen ist LaTeX sicherlich das Maß aller Dinge, omnipräsent, nicht wegzudenken und akzeptiert. In den Biowissenschaften oder moderner den life sciences leider nicht. Es liegt vielleicht daran, dass wir von Natur aus weniger mit komplizierten Formeln und langatmigem Fließtext zu tun haben, als mit Abbildungen und eher als Prosa zu empfindenen Beschreibung von Versuchen, Ergebnissen und Schlussfolgerungen.
Auf jeden Fall bekommt man Probleme, wenn man seine Publikationen in LaTeX schreibt und dann versucht in einem Journal zu platzieren. Warum? Weil alle relevanten Journals in der Regel ausschließlich Microsoft Word-Dokumente akzeptieren. Während ein Physiker oder Mathematiker seine Erkenntnisse ohne größere Probleme als LaTeX-Datei an den Reviewer/das Journal bekommt, schauen wir in den Biowissenschaften dahingehend in die proprietäre Röhre. Wir müssen als Word-Dokument einreichen, da hilft alle Überlegenheit von LaTeX nichts.
Also schreibe ich auch den Bericht zu meinem aktuellen Forschungspraktikum in Word - schließlich soll aus den Ergebnissen ein Paper gestrickt werden und aus einem Word-Dokumente kann man bekanntlich recht einfach in ein anderes Work-Dokument kopieren. Das Schlimme daran: Es gefällt mir langsam sogar. Nachdem ich mich langsam in den neuen Ribbon-Menüs zurechtfinde und mir einen vernünftigen Ratgeber (ich fühle mich so alt...) zugelegt habe, fängt es an sogar Spaß zu machen und es sieht vernünftig aus. Typografisch hat Word definitiv mehrere Schritte nach vorne gemacht.
Auch wenn ich LaTeX irgendwie vermisse, vielleicht ist das alles doch der Beginn einer wunderbaren, wenngleich auch erzwungenen Freundschaft?
Kommentare
Aus den Zeilen lese ich, dass
Gespeichert von mindsskype (nicht überprüft) am/um
Naja also...
Gespeichert von athemis am/um
… natürlich erstellt man mit LaTeX irgendetwas, das man auch benutzen kann. Ein PDF oder PostScript oder DVI-File. Das Problem ist halt nur, dass die Journals das nicht annehmen, sondern ein Word-Dokument haben möchten, an dem sie auch selbst noch etwas verändern können. Eine LaTeX-Datei ist ja im Prinzip eine einfache Textdatei, ließe sich also auch problemlos bearbeiten, aber dann müsste damit auch jemand umgehen können ;-)
Der Export in ein Word-Dokument… naja, es gibt da Programme für, aber die Ergebnisse sind bescheiden :-P
Und Word als Textsatzprogramm zu bezeichnen… nein, eigentlich ist es das nicht. LaTeX ist ein Textsatzprogramm. Word ist ein Textverarbeitungsprogramm. LaTeX wurde dazu entwickelt, direkt Dateien ausgeben zu können, die genau so in den Druck gegeben werden. Word kommt hingegen aus einer ganz anderen Ecke.
Und leider sind so Sachen wie Kerning und Ligaturen selbst in Word 2010 nicht von Werk aus aktiviert… Man muss die Formatvorlage “Standard” anpassen und in den Einstellungen zur Schriftart unter “Extra” kann man dann den ganzen Spaß einschalten ;-)
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